Experten-Interview

Empfehlungen zur Hormontherapie

Individuelle und frühe Behandlung mit Hormonen hat hohen Nutzen

Die Hormonersatztherapie ist durch die ersten Auswertungen einer großen amerikanischen Studie in Verruf gekommen. Vertreter von Kasseninteressen haben Frauenärzte öffentlich gerügt, dass sie bei Wechseljahresbeschwerden ungerechtfertigt Hormone verschreiben. Mit einem Konsensus, der von sechs frauenärztlichen Vereinigungen getragen wird, liegen jetzt erstmals klare Empfehlungen vor, die der Verunsicherung ein Ende bereiten.

Professor Alfred O. Mueck aus Tübingen nimmt Stellung zu den gemeinsam getroffenen Aussagen. Danach hat die Hormonersatztherapie bei entsprechenden Beschwerden einen besonders hohen Nutzen, falls sie früh, mit Eintritt der Wechseljahre, begonnen wird und die sich zum Teil stark unterscheidenden Präparate möglichst individuell angepasst gewählt werden.

Frage: Warum Konsensusempfehlungen?

Prof. Mueck:

Verschiedene Expertengruppen haben nach den ersten Ergebnissen aus Amerika (Studie Women´s Health Initiative, WHI) unterschiedliche Empfehlungen ausgesprochen. Insgesamt hat diese spezielle Studie – in der nur ein Präparat in einer hohen Dosierung, überwiegend bei Frauen im mittleren Alter von bereits 65 Jahren, geprüft wurde - heftige Verwirrung ausgelöst und starke Einschränkungen bei der Verordnung von Hormonen bewirkt. Diese Konsequenz ist nach der heutigen Datenlage nicht mehr gerechtfertigt. Darüber sind sich alle maßgebenden frauenärztlichen Vereinigungen einig. Deshalb Konsensusempfehlungen, die erarbeitet wurden auf der Grundlage von Nachauswertungen der WHI-Studie, sowie aufgrund der Ergebnisse weiterer aktueller Studien wie z.B. einer großen Studie mit amerikanischen Krankenschwestern, einer umfassenden englischen Untersuchung und einer Auswertung sämtlicher relevanter Studien zum Thema Hormone und Herzinfarkt.

Frage: Was ist neu an den Anwendungsempfehlungen?

Prof. Mueck:

Bei frühzeitigem Behandlungsbeginn überwiegt der Nutzen einer Hormonersatztherapie die Risiken. Denn bei Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen, nervöser Unruhe, Schlafstörungen oder andere typische Symptome, die auf das Versiegen der körpereigenen Hormone zurückgehen, ist eine Hormonersatztherapie nicht nur wirkungsvoll, sondern hat gleichzeitig noch verschiedene Zusatznutzen. Unstrittig ist der Schutz gegen Osteoporose (Knochenschwund), der umso stärker ist, je früher Hormone eingesetzt werden. Frühzeitig angewandt, senken Hormone auch das Risiko für Herzinfarkte – die häufigste Todesursache auch für Frauen - und vermutlich auch das Risiko von Dickdarmkrebs, die zweithäufigste Krebserkrankung der Frau. Diese Prävention vor Herzinfarkten und Dickdarmkrebs – obgleich gut belegt – sind derzeit keine gesetzliche Indikation, um eine Hormonersatztherapie zu beginnen, sollten jedoch im persönlichen Nutzen/Risiko-Profil berücksichtigt werden.

Neu ist außerdem die klare Aussage, dass sich Nutzen und Risiken von Hormonen - venöse Thrombosen, Schlaganfall und Brustkrebs bei Langzeittherapie - in Abhängigkeit von der Darreichungsform und der Art der Gestagene stark unterscheiden können. Damit ist auch klar, dass sich die Risiken durch eine individuell angepasste Behandlung minimieren lassen.

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Frage: Bei der individuellen Verschreibung sind Unterschiede zwischen den Gestagenen zu berücksichtigen. Welche und wie?

Prof. Mueck:

Die „Gegenspieler" der Östrogene weisen zum Teil erwünschte „Nebenwirkungen" auf verschiedene Stoffwechselwege auf. Für eine Frau mit Sexualproblemen (zu wenig männliche Hormone) ist ein anderes Gestagen sinnvoll als für eine Patientin, die unter einem Überschuss an männlichen Hormonen leidet. Ganz wichtig ist die Auswahl nach Grund- oder Begleiterkrankungen: Bei Frauen mit Bluthochdruck sind blutdrucksenkende Medikamente unerlässlich, das geeignete Gestagen kann unterstützend wirken. Liegt zum Beispiel ein Diabetes (Zuckerkrankheit) oder starkes Übergewicht vor, ist ein stoffwechselneutrales Gestagen wie Progesteron angezeigt. In einer französischen Studie stieg unter der Kombination von Östrogenen mit natürlichem Progesteron das Brustkrebsrisiko nicht an; dies bedarf allerdings noch einer längeren Nachbeobachtung.

Frage: Welche Unterschiede bestehen zwischen den Darreichungsformen der Östrogene?

Prof. Mueck:

Tabletten werden bevorzugt angewandt bei bestimmten Störungen im Fettstoffwechsel und bei einem Überschuss an männlichen Hormonen. Die Zufuhr von Hormonen über die Haut dagegen ist günstiger bei Thromboseneigung und bei zahlreichen internistischen Basiserkrankungen, die mit dem Leberstoffwechsel zusammenhängen, etwa Gallenerkrankungen, weil bei dieser so genannten "transdermalen Applikation" die Leber durch die direkte Hormonzufuhr ins Blut umgangen wird. Günstiger ist der „Hautweg" auch bei erhöhtem Blutdruck und Arteriosklerose und nicht zuletzt bei Raucherinnen: Bei transdermaler Applikation bilden sich in der Leber keine Umbauprodukte, die in Verbindung mit den Rauchstoffen zu einem erhöhten Brustkrebsrisiko führen könnten, falls die übliche Entgiftung gestört ist.

Frage: Was ist mit pflanzlichen Alternativen?

Prof. Mueck:

Der „Run" auf die pflanzlichen Präparate – nach der irrigen Meinung: Pflanzen sind „natürlicher" als Hormone – könnte gefährlich sein. Pflanzliche Wirkstoffe sind keinesfalls per se immer harmlos. Für die angebotenen Präparate existieren keine Studien zum Nutzen und Risiko unter Langzeiteinnahme, und systematische Untersuchungen zur Gesamtheit dieser Präparate sind bisher zu negativen Urteilen gekommen. Das schließt nicht aus, dass in Einzelfällen die Beschwerden wirksam gelindert werden, wobei durchaus Unterschiede zwischen den Präparaten bestehen dürften. Allen diesen Substanzen oder Substanzgruppen gemeinsam ist jedoch, dass sie nicht an der Ursache der Beschwerden, dem Versiegen der körpereigenen Hormone, angreifen. Deshalb sind sie keine Alternative zur ursachengerichteten Hormonersatztherapie.

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Autor: Springer Medizin
Letzte Aktualisierung: 05. Juni 2015
Quellen: Interview mit Prof. Dr. med. Dipl. Biochem. Dr. rer. nat. Alfred O. Mueck, Universitäts-Frauenklinik. Das Interview führte Frau Dr. Renate Leinmüller.

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