Experten-Interview

Schilddrüsenerkrankung oder Wechseljahre?

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Schilddrüsenerkrankungen können zum Verwechseln ähnliche Beschwerden wie die Wechseljahre hervorrufen.
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Können Wechseljahre und Schilddrüsenerkrankungen ähnliche Symptome hervorrufen? Können sie sich gegenseitig beeinflussen. Diese und andere Fragen beantwortet Professor Armin E. Heufelder im Interview.

Frage:

Können Schilddrüsenerkrankungen Wechseljahre auslösen?

Professor Armin E. Heufelder:

Schilddrüsenerkrankungen lösen im Allgemeinen keine Wechseljahresbeschwerden aus, können diesen aber zum Verwechseln ähnliche Beschwerden hervorrufen. Zudem treten bestimmte Schilddrüsenerkrankungen nahezu zeitgleich mit der Hormonumstellung in den Wechseljahren auf und können deren Beschwerden auch verstärken oder vorzeitig eintreten lassen.

Frage:

Können Schilddrüsenerkrankungen ähnliche Symptome wie die Wechseljahre hervorrufen, z.B. die altersbedingte Schilddrüsenunterfunktion?

Prof. Heufelder:

Wärme- und Hitzegefühle, innere Unruhe, Nervosität, Schlafstörungen und Herzbeschwerden sind typische Symptome und Beschwerden sowohl der menopausalen Hormonumstellung als auch beispielsweise einer Schilddrüsenüberfunktion. Andererseits können in den Wechseljahren auch Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung, Antriebsminderung, Frieren, nachlassende Sexualfunktionen, Gewichtszunahme und Depressionen auftreten. All dies sind auch typische Merkmale einer Schilddrüsenunterfunktion. Es gilt also genau zu unterscheiden, welche Symptome im Einzelfall wodurch bedingt sind.

Frage:

Wie können Symptome von Schilddrüsenerkrankungen von Wechseljahresbeschwerden unterschieden werden?

Prof. Heufelder:

Wenn daran gedacht wird, dass derartige Beschwerden bei Frauen um die 45-55 Jahre sowohl durch die Wechseljahre als auch durch Schilddrüsenprobleme verursacht sein können, ist schon viel gewonnen. Dann kann durch die entsprechenden Hormonbestimmungen im Blut rasch differenziert werden, wodurch die Beschwerden im Einzelfall begründet sind. Für den Ausschluss bzw. den Nachweis einer Schilddrüsenfunktionsstörung genügt zunächst die Bestimmung von TSH, fT3 und fT4 (Schilddrüsenhormone), meist noch ergänzt um die Bestimmung des TPO-Antikörpers, der die häufigste autoimmune Schilddrüsenerkrankung um die Lebensmitte, die Hashimoto-Thyreoiditis*, erkennen hilft.

Frage:

Sind Frauen in den Wechseljahren und danach häufiger von Schilddrüsenerkrankungen betroffen als in jüngeren Jahren?

Prof. Heufelder:

Die Autoimmunthyreoiditis Hashimoto* sowie Knotenstrumen*, auch mit funktionellen Autonomien der Schilddrüse*, nehmen in der zweiten Lebenshälfte an Häufigkeit zu, insbesondere bei Frauen. Aber auch die Schilddrüsenüberfunktion vom Typ Morbus Basedow* und natürlich Schilddrüsenkrebs kommt jenseits des 45. Lebensjahres gar nicht so selten vor. Das Beobachten der Schilddrüse bleibt also gerade bei Frauen in der 2. Lebenshälfte ein sehr häufiges und wichtiges Thema.

Frage:

Können sich Schilddrüsenerkrankungen und Wechseljahresbeschwerden gegenseitig beeinflussen?

Prof. Heufelder:

Die Mangelzustände an Östradiol, Progesteron und Androgenen (weibliche und männliche Geschlechtshormone) können die Beschwerden, die im Rahmen von Schilddrüsenüberfunktion oder -unterfunktion auftreten, noch verstärken. Beispielsweise können sich Herzprobleme, Bluthochdruck, Stimmungsveränderungen, Gewichtsprobleme, Stoffwechselprobleme und Osteoporose noch verschärfen, wenn zu den Hormondefiziten in den Wechseljahren noch Fehlfunktionen der Schilddrüse hinzutreten.

Frage:

Veränderungen im Monatszyklus sind oft erste Hinweise auf die Wechseljahre. Können Schilddrüsenerkrankungen ebenfalls Zyklusstörungen verursachen?

Prof. Heufelder:

Sowohl eine Überfunktion als auch eine Unterfunktion der Schilddrüse können Zyklusstörungen auslösen oder verstärken. Die immunologisch*en Auswirkungen autoimmuner Schilddrüsenerkrankungen* können sich auf die Zyklusstabilität sogar bei noch vollständig euthyreoter* Schilddrüsenfunktion destabilisierend auswirken.

Frage:

Wie können Schilddrüsenerkrankungen festgestellt werden?

Prof. Heufelder:

Die Diagnostik von Schilddrüsenerkrankungen beruht zunächst auf einer gezielten Anamnese und klinischen Befunderhebung*. Als nächster Schritt in der Arztpraxis erfolgt die hochauflösende Ultraschalluntersuchung, mit der sich viele wegweisende Informationen nichtinvasiv und zeitnah gewinnen lassen. Hinweise auf Größe, Struktur, Echomuster, Knotenbildungen und Durchblutung der Schilddrüse sind so rasch und unkompliziert zu erfassen. Parallel hierzu sollten die Schilddrüsenfunktionswerte im Blut bestimmt werden, zumindest TSH basal, meist ergänzt um die freien Schilddrüsenhormone fT3 und fT4, und den TPO-Antikörper. Die quantitative Schilddrüsen-Szintigraphie* ist als nachgeordnetes Verfahren nur in bestimmten Situationen (v.a. Abklärung von warmen/heißen bzw. kalten Knoten) erforderlich.

 

Glossar:

Hashimoto-Thyreoiditis: Die Autoimmunthyreoiditis Hashimoto (Hashimoto-Thyreoiditis) ist eine Krankheit bei der sich Teile des körpereigenen Abwehrsystems gegen das Schilddrüsengewebe richten. Sie geht mit einer Unterfunktion der Schilddrüse einher.

 

Autoimmunthyreoiditis Hashimoto: Die Autoimmunthyreoiditis Hashimoto (Hashimoto-Thyreoiditis) ist eine Krankheit bei der sich Teile des körpereigenen Abwehrsystems gegen das Schilddrüsengewebe richten. Sie geht mit einer Unterfunktion der Schilddrüse einher.

 

Knotenstrumen: Unter einer Struma (Kropf) versteht man eine Vergrößerung der Schilddrüse, die zum Beispiel aufgrund von Jodmangel entsteht. Es können sich Knoten herausbilden, dann wird von einer Knotenstruma (Plural Knotenstrumen) gesprochen.

 

Funktionelle Autonomien der Schilddrüse: Funktionelle Autonomie der Schilddrüse bedeutet, dass das Organ bzw. bestimmte Bereiche in der Schilddrüse „außer Kontrolle“ sind. Das heißt, der Körper kann die Herstellung der Schilddrüsenhormone nicht mehr regulieren.

 

Morbus Basedow: Der Morbus Basedow zählt zu den Autoimmunerkrankungen, bei denen sich Teile des Abwehrsystems gegen körpereigenes Gewebe richten. Neben der Schilddrüsenüberfunktion gelten deutliches Hervortreten der Augäpfel (Exophthalmus) und sehr schneller Herzschlag (Tachykardie) als wesentliche Symptome.

 

Immunologisch: Immunologisch bedeutet: das Immunsystem betreffend.

 

Autoimmune Schilddrüsenerkrankungen: Autoimmune Schilddrüsenerkrankungen sind Krankheiten, die durch das körpereigene Abwehrsystem ausgelöst werden.

 

Euthyreote: Euthyreote Schilddrüsenfunktion bedeutet eine normale Schilddrüsenfunktion.

 

Gezielten Anamnese und klinische Befunderhebung: Gezielte Anamnese und klinische Befunderhebung: ausführliche Befragung und körperliche Untersuchung des Patienten mit Fokus auf die Schilddrüsenerkrankung bzw. die Schilddrüse.

 

Schilddrüsen-Szintigraphie: Szintigraphie: Bildgebendes Verfahren, hei dem radioaktiv markierte Substanzen eingesetzt werden.

Autor: Springer Medizin
Veröffentlicht am: 08. Februar 2012
Letzte Aktualisierung: 19. März 2012

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